Diesmal hat eine liebe Kollegin einen Gastbeitrag für meinen Blog verfasst. Sie hat im Gegensatz zu mir den Mauerfall selbst miterlebt – ich war damals noch zu jung um zu verstehen, was da vor sich ging. Das Bild ist eines ihrer Lieblingsfotos, das kurz nach dem Mauerfall entstand. Lest hier, wie es zu diesem Schnappschuss gekommen ist:
Ende November 1989 unternahm ich – damals Studentin – von Regensburg aus meine alljährliche Berlin-Reise: die Schwägerin meiner Freundin hatte ja stets pünktlich zum 26. November ihren Geburtstag (wen wundert’s), was sich zum Jour fixe für Freunde aus allen Himmelsrichtungen entwickelt hatte. So gab es immer wieder „gefüllte Ente“, sprich mein roter 2 CV wurde mit Geschenken beladen, vorne meine Freundin und ich. Unweit der Goldenen Else war unser Ziel – eine Buchhändlerfamilie. Er, Walter, war der beste und belesenste Stadtführer, den man sich wünschen konnte – jedes Jahr brachte er uns an berührende Orte, an Schnittstellen, die etwas von Berlins wechselvoller Geschichte greifbar machten. So auch im November 1989 – das Jahr, das den denkbar größten Kontrast zu meinem letzten Besuch darstellte:
Die Mauer hatte seit ihrer Öffnung wenige Wochen zuvor stellenweise Durchfahrtsschlitze erhalten (indem man Mauer-Elemente quasi wie eine Tür ausgehängt hatte) – dazu viele Kerben und Nischchen innerhalb des verbleibenden Mauer-Bausatzes, die uns nun, durch Kerzen und Teelichter der „Mauer-Spechte“ illuminiert, regelrecht verzauberten: kleine Apsiden oder sagen wir Täschchen im Mantel der Geschichte. Tatsächlich waren wir gleich zum Potsdamer-Platz aufgebrochen, die Dunkelheit hatte uns überholt, noch bevor wir ankamen, doch das helle Klingkling von Hammer und Meißel (ganz ohne Sichel) führte uns zielsicher an den notdürftig beleuchteten Mauer-Abschnitt im Herzen Berlins, der früher nur Todesmutige zum Überqueren lud. Es war kalt und doch waren alle erhitzt und aufgewühlt: die Herzen der Menschen pulsierten noch immer rascher und intensiver – noch immer waren die Gesichter der Berliner und Nicht-Berliner kindlich staunend, lachend oder ernst – nur langsam begriff jeder, was er da miterleben durfte, manche begriffen es erst als sie die Spechte um ein Stückchen mühsam herausgemeißelter Mauer baten und dieses dann andächtig in der Hand wendeten. „Die Wende“ zum Anfühlen und bald auch zum Kaufen… was in dieser Nacht noch weit weg von kommerziellen Verwertungsgedanken schien, mutierte rasch zum schwungvollen Handel mit Mauertrümmerchen und Beton-Spreißelchen.
Als ich 1990 im Frühling als Gaststudentin über den Campus der UCLA in Los Angeles streifte, traf ich auch dort, unter blühenden Jacaranda Bäumen, auf sie: Tatsächlich bot da jemand auf einen Tapezier-Tisch drapiert Mauerteilchen feil – die Frage stellte sich schon damals: welche Mauerlänge oder wieviele Mauern würden sich ergeben, fügte man alle bereits damals kursierenden Teile aneinander? Die Chinesische Mauer? Bingo! Jedenfalls: mir selbst kam nie der Gedanke zuzugreifen. In den Supermärkten Amerikas gratulierten sie mir zum Mauerfall als hätte ich soeben Zwillinge zur Welt gebracht und dabei mein altes Gewicht gehalten. Crazy. Heute bin ich froh, wenigstens diese Aufnahme zu haben, die ich heute auf Fabrizios Seite erstmals zeige – sie ist mir meine schönste Erinnerung. Mein persönliches Stück Mauer.
Zum Bild: es ist mit meiner Lieblingskamera, einer Ricoh, eingefangen. Die lange Belichtungszeit brachte es mit sich, dass ich etwas verwackelt habe – doch genau das trifft für mich die poetische Stimmung, die ich damals vorfand – die andächtige Ruhe an diesem „Transit“. Es war still in dieser Nacht, nur die Zweitakter-Motoren der Trabis, das Klingkling der Mauerspechte und die Fragen von Passanten an das DDR-Personal in Uniform…. es war die Stille danach, die so beeindruckte – der melancholische Kater quasi nach den Szenen aus den Nachrichten, wo man sich um den Hals gefallen war, auf der Mauer tanzte, Sekt trank, vor Freude schrie, lachte und weinte… statt dessen ging ich nun wie auf einer Vernissage die spärlich beleuchteten Mauerspecht Kojen“ ab, die mit dem Abtragen Beschäftigten hatten Campingstühlchen, Werkzeug und Thermoskanne dabei.
Das Foto zeigt den Mauerquerschnitt, gekrönt von einer Lampe, denn hier konnte man passieren – von Ost nach West, und natürlich auch umgekehrt. Man sieht auch noch DDR-“Polizei“, die aber irgendwie schon Staffage-Charakter hatte. Die Absperrungselemente dienen allein dem Zweck, den Fußweg von Fahrweg zu trennen.
Tempi passati: Genau ein Jahr zuvor noch hatte ich in Wedding eine Art Hochstand erklommen und einen Blick über die Mauer geworfen. Auch damals war es dunkel, winterlich kalt… „Drüben“ herrschte Totenstille, die Gebäude blickten mit blinden Augenhöhlen auf uns „Wessis“. Es schien für immer so zu sein… diesem Schutzwall vor uns „Faschisten“ begegneten wir mit ungläubigem Staunen: dass es so etwas Absurdes geben konnte – doch hier war es… in Beton gegossen, wie eine Art Nachbarschafts-Streit, der sich hochgeschaukelt hatte. Erich der Erste regierte in Kleinbürgermanier – es fehlten eigentlich nur noch die Gartenzwerge entlang der Mauer, aber die wären ja zu farbenfroh gewesen…
Tags: Mauerfall

Hallo Fabrizio, ich freue mich, dass ich hier auf Deiner Seite Gast sein darf und so die “Tagebucheintragung” zum Mauerfall, zusammen mit meiner geliebten “Wackelaufnahme”, veröffentlichen kann. Das alles erscheint heute fast surreal… eine Mauer mitten durch Berlin, Wachposten, Todesstreifen. Wie gut, dass dies Geschichte ist! Eva